80 Jahre Pogrom - ein GeDenkprojekt

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Es ist dunkel, es ist nebelig. Menschen strömen aus ihren Häusern und Wohnungen. Sie nehmen Reißaus aus ihrem Zuhause, ihrer Heimat, ihrem Land, ihrer eigentlichen Zuflucht. Gleich werden die Nationalsozialisten kommen. Manche verstecken sich in dunklen Gassen, Ecken und Nischen in der leisen Hoffnung vielleicht, ja nur vielleicht übersehen zu werden. Ein kleines Mädchen beginnt zu weinen. Es hat seine Puppe verloren. Aber für eine Umkehr ist es zu spät. Die kleine Familie, Vater, Tochter und Mutter, können gerade noch in eine Seitenstraße entwischen, als die ersten Nazis in die Straße einbiegen. Sie brechen die Tür zu ihrem Zuhause auf und verwüsten alles in blinder Zerstörungswut und Hass. Die kleine Familie rennt weiter in Richtung Ortsausgang. Zu ihnen gesellt sich ein alter Mann von 70 Jahren. Auch er ist auf der Flucht. In der Hand hält er einen Stapel Fotos, die alle paar Meter zu Boden fallen. Auf ihnen sind junge, lachende Gesichter zu sehen – vielleicht handelte es sich um eine Geburtstagsfeier des Mannes und seiner Familie. Die vier kommen an einem zweistöckigen Mehrfamilienhaus vorbei, zu dessen Eingang eine Treppe führt. Der Mann kauert sich in den Verschlag unter die Treppe. Er kann nicht mehr. Er bekommt keine Luft mehr. Er ist zu alt. Er ist zu schwach. Schüsse fallen im obersten Stockwerk und Schreie erfüllen die kühle Nachtluft – die Nazis haben sich von hinten angeschlichen. Der Vater des Mädchens bittet den Mann: „Steh auf. Mach weiter. Gib nicht auf!“ Doch der alte Mann winkt müde ab. Er meinte bloß, sie sollen weiterlaufen und bloß nicht zurückschauen. Einfach immer nur weiter und nicht zurückschauen. Die Mutter nimmt das Mädchen auf den Arm. Auch es ist zu müde und zu schwach zum Weiterlaufen. Schließlich erreichen sie das Ortsschild ihrer kleinen Stadt und verschwinden im Nebel. Hinter ihnen verstummen die Schreie und Schüsse, als hätte es sie nie gegeben.

So oder so ähnlich war es wohl. Wir haben uns anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht versucht in die Lage der Juden zu versetzen, die von jetzt auf gleich fliehen mussten, um ihr Leben zu retten und ich denke es ist uns nur ansatzweise gelungen, da wir uns nie in einer solchen Lage befunden haben, und hoffentlich auch nie befinden werden.

Jasmin Hartmann, Schülerin des Peter Wust Gymansiums, im November 2018

Das Projekt wurde durch geführt vom Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich", vom Emil Frank Institut, dem Kulturamt der Stadt Wittlich und Schülerinnen und Schülern des Peter-Wust-Gymnasiums Wittlich unter Leitung von Liane Deffert. 

Fotos: Hans Wax, Werner Bühler