Der Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich"

Eine Botschaft aus Wittlich

50 Iahre nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November l938 haben wir uns zu einem Gedenken auf dem jüdischen Friedhof, in der St. Markuskirche und vor der ehemaligen Synagoge in Wittlich zusammengefunden.

Wir schreiben diesen Brief an Sie, die Sie in Wittlich geboren sind oder einige Zeit hier gelebt haben. Ein solcher Brief fällt uns nicht leicht, denn wir wissen nicht. ob er nicht Wunden der Vergangenheit neu aufreisst und Ihnen Schmerzen bereitet. Viele von Ihnen möchten vielleicht gar nicht an Wittlich erinnert werden, viele sind vielleicht zu jung gewesen, um sich erinnern zu können. Wir schreiben diesen Brief dennoch in der Hoffnung, dass er ein kleiner Schritt auf dem Weg des Verstehens sein kann. Auch wir, die wir heute zusamrnengekommen sind, kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Erinnerungen: Viele, die sich noch an Sie als ihre jüdischen Mitbürger in dieser Stadt erinnern; manche, die Freunde unter Ihnen hatten oder noch haben: manche mit einer unbewältigten Schuld. Viele von uns haben keine persönlichen Erinnerungen an das jüdische Leben in Wittlich. weil sie zu jung sind: manche sind erst später in diese Stadt gekommen: und manche von den Jüngeren unter uns stossen auf eine Mauer des Schweigens, wenn sie mit den Älteren über die Vergangenheit sprechen wollen. Eines ist uns gemeinsam: Trauer und ein Gefühl der Ohnmacht dem gegegenüber, was in dieser Stadt Ihnen und den inzwischen Verstorbenen, vor allem aber den durch den Nazi-Terror umgekommemen Männern, Frauen und Kindern angetan wurde. Am 9. und I0. November l938 und in der Zeit davor und danach sind nicht nur Häuser und Synagogen, es sind vor allem Menschenleben. menschliche Beziehungen und menschliche Vewurzelungen zerstört und zertrümmert worden. Das Leid, das Ihnen, Ihren Angehörigen und Freunden zugefiügt wurde. können nur Sie ermessen. Wir glauben nicht, dass wir hier im Namen derer, die Ihnen und Ihren Angehörigen Leid und Unrecht zugefügt haben, Sie um Verzeihung bitten können; wir glauben, dass Schuld und Vergebung eine persönliche Sache sind, die jeder für sich  selbst verantworten muss. Wir möchten aber diesen Brief verstanden wissen als ein kleines Zeichen unserer Betroffenheit und unserer Trauer über das, was geschehen ist. Wir verbinden damit die Bereitschaft, gegen das Vergessen und gegen das Verschweigen zu arbeiten; wir verbinden damit auch die Hoffnung, dass sich aus dem Erkennen und Erinnern der Vergangenheit ein neuer Weg für die Zukunft aller finden lässt.

Arbeitskreis “Jüdische Gemeinde Wittlich"


 veröffentlich in der jüdischenZeitung "Aufbau", 18.12.1988