Familie Glückauf

Neubeginn...

und schwierige Jahre im Ruhrgebiet 

Wo die Glückaufs genau hingezogen sind, bleibt unklar – auf keinen Fall nach Oberhausen, wie auf der Wittlicher Abmeldung vermerkt. Der dritte Sohn namens Werner wurde am 4.7.1909 in Wanne-Eickel geboren, wobei die Familie selbst dort nicht als wohnhaft gemeldet war. Erst für das Jahr 1911 lassen sich die Glückaufs wieder nachweisen, und zwar als Bewohner des Hauses nur 40 in der Dortmunder Ausfallstraße „Hohe Straße“.8 Aus dieser Zeit gibt es auch wieder erste Geschäftsanzeigen von Julius Glückauf in Dortmunds größter Zeitung, dem „Dortmunder Generalanzeiger“. Ein erstes Ladenlokal scheint Glückauf in der Brückstraße nicht weit vom Dortmunder Hauptbahnhof gemietet zu haben. Zunächst verkauft er Möbel auf Kredit und umwirbt auch auswärtige Kundschaft und speziell Brautleute mit seinen günstigen Schlafzimmer- und Küchenangeboten. Anfang März 1911 bezieht Glückauf ein Ladenlokal in der Gerberstraße 10 und rückt somit noch näher an die zentralen Einkaufsmeilen Kampstraße und Westenhellenweg.9 Die Glückauf-Anzeigen erscheinen zwar kleiner und seltener als in Wittlich, aber an Originalität fehlt es nicht. So spielt Julius Glückauf zeitweise mit seinem Namen, indem er die Schreibweise „Glück-Auf“ in Anlehnung an den bekannten Bergmannsgruß in der Ruhrmetropole wählt. Im neuen Geschäft kommen bereits Damen-Garderoben und Pelze in den Verkauf und weiterhin wird Teilzahlung angeboten. Im Jahr 1914 nennt das Dortmunder Adressbuch den Kaufmann Julius Glückauf Prokurist der Firma Glückauf & Co. Eine Fortführung des Ladens während der Militärzeit von Julius Glückauf erscheint nicht vorstellbar, zumal am 30.1.1915 das vierte Kind der Glückaufs, die Tochter Ilse, geboren wurde. Nun war es unausbleiblich, es mußte eine Lösung gefunden werden, Mutter konnte uns nicht mehr ernähren. Ihren Beruf als Verkäuferin vermochte sie nicht auszuüben, schreibt Erich Glückauf in seinen Erinnerungen10, der durch den täglichen, frühmorgendlichen Verkauf des „Dortmunder Generalanzeigers“ nach besten Kräften versucht hatte, das Haushaltsgeld aufzubessern. Wie groß mittlerweile die wirtschaftliche Not der Glückaufs war, lässt sich auch daran ablesen, dass die drei Söhne bei Verwandten in verschiedenen Gegenden des Kaiserreiches untergebracht wurden – nur Nesthäkchen Ilse blieb in Dortmund bei der Mutter.
Erich selbst kam nach Eisenach zu Onkel Berthold und Tante Ida, was für ihn ein Glücksfall war, zumal der ebenfalls in Eisenach lebende Großvater dem Arbeiterjungen aus Dortmund – so Erich Glückaufs Darstellung – den Weg zum Buch und Schachspiel wies.11 Er war ein guter Turner, aber ein guter Schüler der Eisenacher Realschule war er nicht, so dass er gleich die erste Klasse wiederholen musste. Wo die beiden Brüder Paul und Werner untergebracht waren, ließ sich nicht ermitteln.
Ab 1919 muss der mit einem Eisernen Kreuz dekorierte Kriegsheimkehrer Julius Glückauf in der Hohen Straße 58 ein Geschäft unterhalten haben, 1924 wohnt die Familie in der 2. Kampstraße und Julius Glückauf wird als Geschäftsführer der „Bielefelder Herrenwäschefabrik GmbH“ genannt. In dieser Zeit richtete er seinem zweitältesten Sohn Paul in Mannheim eine Zweigstelle („Bielefelder Wäsche-Vertrieb“) in guter Geschäftslage ein, die sich jedoch nur wenige Jahre am Markt behaupten konnte.12
In den Jahren 1928 bis September 1933 bietet Julius Glückauf wieder Möbel in seinem früheren Geschäft Gerberstraße 10 an und wirbt mit Franko-Lieferung überallhin. Die letzte gesichtete Geschäftsanzeige stammt vom 22. Januar 1930, so dass man von erheblichen wirtschaftlichen Problemen des Kaufmanns Julius Glückauf ausgehen muss. Der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 wird auch Julius Glückauf hart getroffen haben, zumal ein ‚heimlicher Boykott’ – unterbrochen von offenen antijüdischen Aktionen – noch bis Dezember 1933 fortgeführt wurde.13 Es kam immer wieder zu Misshandlungen jüdischer Geschäftsleute und auch Zerstörungen von Ladeneinrichtungen, obwohl solche Aktionen laut „Führerbefehl“ zu unterbleiben hatten. Umsatzrückgänge bis zu 50 Prozent konnten viele jüdisch geführte Geschäfte nicht verkraften, die Schaltung von Anzeigen in den Dortmunder Zeitungen war ihnen untersagt, so dass am Ende nur die Geschäftsaufgabe übrig blieb. Julius und Johanna Glückauf hatten auch einiges auszustehen, wenn man Erichs Erinnerungen folgt: Obwohl mein Vater Sozialdemokrat war und, als Hitler an die Macht kam, sich sogar das Eiserne Kreuz aus dem ersten Weltkrieg angeheftet hatte, bedeutete das keinen Schutz vor den Drangsalierungen der Nazis. Mit der Begründung, daß man den Sohn Erich suche, erfolgte eine Haussuchung nach der anderen, wurden Vater und Mutter wöchentlich mindestens dreimal zur Gestapo bestellt, so daß der mit Illusionen behaftete Vater selbst den Vorschlag machte, Dortmund zu verlassen und nach Holland auszuwandern.14 Ob Julius Glückauf auch zu den kurzzeitig verhafteten Dortmunder Juden im Gestapo-Gefängnis „Steinwache“ am Nordausgang des Hauptbahnhofes – heute Mahn- und Gedenkstätte – gehörte, konnte noch nicht sicher nachgewiesen werden.


8 Wohnadressen in Dortmund wurden mitgeteilt vom Einwohnermeldeamt Dortmund; Meldeunterlagen selbst existieren nicht mehr, sondern lediglich so genannte „Hausstandsbücher“ (Mitteilung vom 8.2.2012).

9 Dem Verfasser war es wegen des Umfanges des Materials nicht möglich, alle Jahrgänge des „Dortmunder Generalanzeigers“ auf Microfilm im „Institut für Zeitungsforschung“ in Dortmund durchzusehen. Im Westhellenweg 107/I. Kampstraße 106 residierte u.a. die große Dortmunder Wäschefabrik „Betten-Baum“, in die die Schwester des Wittlicher Rechtsanwalts Dr. Franz Otto Archenhold, Gertrud Archenhold (geb. 7.9.1889), 1912 eingeheiratet hatte. Ihr Mann, Louis Baum, war der Juniorchef des Unternehmens und starb 1952 in den USA (TA im „Aufbau“ vom 20.6.1952, mitgeteilt von Herrn Friedrich Villis, Dortmund).

10 Erinnerungen 1976, S. 14f.

11 Ebd., S. 16. Erichs Onkel Berthold war zeitweise Präsident der Eisenacher jüdischen Loge U.O.B.B., was – so Dr. R. Brunner (vgl. Anm. 1) – auf einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert innerhalb der jüdischen Gemeinde schließen lässt.

12 Mitteilung Lotte Dukamp (geb. am 1.2.1927 in Mannheim) vom 5.8.2012, Tochter aus erster Ehe von Paul Glückauf mit der Nichtjüdin Else Oestreicher. Lotte Dukamp galt damit im Nazijargon als „Halbjüdin“ bzw. „Mischling 1. Grades“ und ihre Mutter wurde (so die Erinnerung der Tochter) in einem Betrag des „Stürmers“ oder des in Mannheim erscheinenden „Hakenkreuzbanners“ als „Judenflittchen“ verhöhnt. Anfang 1933 trennten sich die Eltern und sie wuchs überwiegend bei ihrer Großmutter auf. Ihr leiblicher Vater Paul zog wieder nach Dortmund zu den Eltern.

13 Die folgende Darstellung der Dortmunder Verhältnisse nach: Ulrich Knipping, Die Geschichte der Juden in Dortmund während der Zeit des Dritten Reiches, Dortmund 1977. Bereits seit Ende 1929 war die jüdische Einwohnerzahl rückläufig (von ca. 4.500 auf 4.108 im Juni 1933). Besonders viele Dortmunder Juden arbeiteten im Handel und als Handwerker (ebd., S. 18). Zu den Boykottmaßnahmen, dem Herausdrängen der Dortmunder Juden aus Handel und Gewerbe sowie Übergriffen auf Juden und ihre Betriebe, vgl. ebd., S. 26-39, dort viele Fallbeispiele.

14 Erinnerungen 1976, S. 261. Die Gestapo-Akte von Erich G. (vgl. Anm. 3) beginnt zwar erst mit einem Fahndungsbefehl vom April 1934 gegen den Kommunisten Glückauf, was aber nicht gegen dessen Darstellung spricht, weil E.G. bereits seit 1922 Mitglied der KPD war und schon vor der Machtübernahme der Nazis im Rheinland und Berlin wichtige Parteifunktionen ausgeübt hatte und nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 steckbrieflich gesucht wurde (vgl. ebd., S. 234-240) und bis Kriegsende illegal leben musste.


 Franz-Josef Schmit

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