Familie Glückauf

Familie Glückauf in Wittlich


Wittlich Ehepaar GLueckauf 400Das Ehepaar Julius und Johanna Glückauf wohnte nur kurze Zeit in Wittlich, nämlich vom 25. Februar 1902 bis zum 10. August 1906. In Wittlich wurden auch die beiden ältesten Kinder geboren: Erich Jakob am 12.9.1903 und Paul am 14.1.1906. Maria Wein-Mehs hat in ihrem Standardwerk „Juden in Wittlich 1808-1942“ besonders auf die für die damalige Zeit ungewöhnliche Werbemethoden des aus Rhula stammenden Textilhändlers hingewiesen. In der Tat fielen die oft ganzseitigen Werbeanzeigen im „Wittlicher Kreisblatt“ aus dem Rahmen, aber auch das Angebot selbst konnte sich sehen lassen: Herren- und Damenbekleidung, Kinderanzüge und Arbeitsbekleidung, immer wieder als Neuheiten angepriesen und in großen Mengen feilgeboten bei Sonderverkaufsaktionen. Das Geschäftshaus befand sich in der Trierer Straße 10 (damals Nr. 200) im ehemaligen Haus von Edmund Schiffmann, der es bereits von Samuel Marx gemietet hatte.1

Die nachfolgende Darstellung will die bereits bekannten Fakten zur Familie Glückauf ergänzen und das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie nachzeichnen, die auch ein Beispiel für ein besonders hohes Maß der Assimilation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt.

Als Julius Glückauf nach Wittlich kam, war er 23 Jahre alt; seine gleichaltrige, aus Tuchel/Schlesien stammende Frau Johanna (geb. Rehfeld, 22.3.1879) hatte Verkäuferin gelernt, während Julius als Buchdrucker ausgebildet war.Wann und wo das Paar geheiratet hatte, ließ sich bisher nicht ermitteln.3 Aus der Wittlicher Zeit stammt jedoch ein Foto, aufgenommen im Fotoatelier Becker, das Julius und Johanna in einer Weise zeigt, die für damalige Hochzeitsbilder üblich ist.

Unklar ist auch, ob Glückaufs eingetragene Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde waren, während die Mitgliedschaft von Julius im Wittlicher Schützenverein nachzuweisen ist, in dem nur gutsituierte Personen Mitglied werden konnten.4 Jüdische Religion und jüdisches Brauchtum spielten für die Familie Glückauf und auch ihre erwachsenen Kinder keine Rolle mehr, obwohl die Eheleute selbst und auch die Ehepartner der Kinder teilweise noch aus strenggläubigen jüdischen Familien stammten.

Von dem ältesten Sohn der Familie, Erich, gibt es eine recht umfangreiche, 1976 im DDR-Verlag Neues Leben veröffentlichte Autobiografie, in der aber die Zeit in Wittlich – von vagen Hinweisen abgesehen – keine Rolle spielt.5 Nach Darstellung des ältesten Sohnes war der Vater Julius Sozialdemokrat, der zu Beginn des ersten Weltkrieges auch große Begeisterung für Kaiser Wilhelm II. und Hindenburg an den Tag legte und sich als Freiwilliger meldete, offenbar sehr zum Missfallen seiner Ehefrau, wenn man Erichs Darstellung folgt. Die Mutter hingegen, die 1914 in Dortmund ihr viertes Kind erwartete, war zwar unpolitisch, aber sie hegte eine tiefe Abneigung gegen den scheinbar unvermeidlichen Krieg. Im Rückblick schrieb Erich, der offenbar ein sehr enges Verhältnis zur Mutter hatte, er glaube, daß Mutter damals am Beginn des ersten Weltkrieges den Keim legte, aus dem sich später der leidenschaftliche Kommunist und Internationalist Erich Glückauf entwickelte.6

Anzeige Glückauf Wittlich 1904 250 250Die bereits erwähnten, in kurzem Zeitabstand veröffentlichten Werbeanzeigen lassen durchaus auf ein erfolgreiches Geschäftsmodell schließen und auch an Mitarbeitern hat es nicht gefehlt. Glückaufs beschäftigten immerhin ein Küchenmädchen sowie eine Magd, einen kaufmännischen Lehrling, eine Verkäuferin und einen Kommis.Die Hauptlast des Geschäfts selbst dürfte auf Johanna Glückauf gelegen haben, da Julius – wie aus verschiedenen Werbeanzeigen hervorgeht – immer wieder unterwegs war, um große Sortimente zu ordern (Von meiner Einkaufsreise aus Berlin zurückgekehrt…), die dann zu Ausnahmepreisen in Wittlich angeboten wurden. Kleider für Communikanten und Confirmanden werden ebenso angeboten wie Sporthemden und Radfahrerpellerinen und der Kaufmann preist seine Arbeitskleider als konkurrenzlos billig an. Auf die gute Qualität der Waren legt er ebenso großen Wert wie auf den Service: sein Lager kann ohne Kaufzwang besichtigt werden und Jedes Teil wird gern aus dem Fenster genommen. Sicher übertreibt der Wittlicher Neueinsteiger im Textilgewerbe, wenn er sein Geschäft als Einziges und größtes Spezialgeschäft für Herren- und Damen-Confection anpreist, wenn man an die Ladengröße auch im Vergleich mit den eingesessenen jüdischen Textilgeschäften Frank und Bender am Marktplatz denkt.
Die Schließung des Betriebes nach etwas mehr als vier Jahren in Wittlich und der rasche Umzug ins Ruhrgebiet könnte darauf schließen lassen, Julius Glückauf habe sich wirtschaftlich übernommen. Oder anders ausgedrückt: Der gelernte Buchdrucker hat mehr vom Gestalten von Werbeanzeigen als vom Textilhandel selbst verstanden. Doch dafür gibt es keine Belege und die Geschäftsaufgabe erfolgte auch in einer Weise, die als geregelt bezeichnet werden kann. Für den Totalausverkauf samt Ladeneinrichtung – die Geschäftsschließung selbst war für den 1. August 1906 angekündigt – rührte der Kaufmann nochmals ab Anfang März 1906 über mehrere Monate kräftig die Werbetrommel. Offenbar mit Erfolg: Am Schluss des Ausverkaufs Ende Juli waren lediglich noch Kinderjoppen und Paletots zu jedem Preise übrig geblieben. Vielleicht war Julius Glückauf Wittlich als Kaufstadt schlichtweg zu klein und er sah im Ruhrgebiet bessere Chancen.
Bereits Mitte Oktober 1906 kündigt Willy Meyer die Eröffnung seines Spezial-Geschäfts für Herren-, Damen- und Kinder-Konfektion im ehemaligen Glückaufladen an und wirbt mit reellen und streng festgelegten Preisen (WKB Nr. 121); knapp zwei Jahre später eröffnete eine Filiale der Dampf-Kaffeebrennerei „Union“ aus Bonn in der Triererstraße 10 (WKB vom 21.7.1908). Es war offenbar nicht einfach für von auswärts kommende Händler, sich gegenüber den zahlreichen eingesessenen Geschäften zu behaupten – trotz aufwändiger Werbung und interessanten Sonderverkaufsaktionen.


1 Vgl. Maria Wein-Mehs, Juden in Wittlich 1808-1942, Wittlich 1996, S. 622-624 (zit.: Wein-Mehs 1996). Zu korrigieren ist die Angabe zur Herkunft von Julius Glückauf: Er stammte aus der Uhrmacherstadt Ruhla in Thüringen, wo er als achtes Kind der Eheleute Moses (1844-1919) und Henriette (geb. Tannenwald, 1844-1905) am 22.8.1879 geboren wurde. Später lebte die Familie in Eisenach, wo Schwester Ida mit ihrem aus Posen stammenden Mann Baruch Wolf seit 1894 ein Geschäft für Herrenbekleidung in bester Lage betreibt. Ein weiterer Sohn, Dr. jur. Bruno Glückauf (geb. 10.5.1876 in Rhula), ist Teilhaber des unter Wolf & Glückauf firmierenden Unternehmens, das im Oktober 1933 an die Firma Endepols verkauft und auch zu DDR-Zeiten überwiegend privat geführt wurde. Zu danken ist Dr. Reinhold Brunner vom Stadtarchiv Eisenach, der einen vollständigen Stammbaum Glückauf übermittelt hat, Quelle: Stadtarchiv Eisenach, 40.7, Slg. Judaica Nr. 34. Die bei Wein-Mehs 1996 auf S. 622 gedruckte Werbeanzeige zeigt mit Sicherheit nicht Charlie Chaplin, da dieser erst ab 1910 in den USA und noch später in Europa als Künstler überhaupt wahrgenommen wurde

2 Angaben nach der so genannten „Kaderakte“ des Sohnes Erich Glückauf (E.G.), der nach dem Krieg in der DDR hoher SED-Funktionär (SED-Mitgliedsnummer: 3.442) wurde. Diese Akte (BA Berlin, D/30/IV 2/11 V. 2525) enthält mehrere von E.G. verfasste Lebensläufe und Fragebögen der Partei, in denen auch über die Familie zu berichten war. Der umfangreiche Nachlass von E.G. im BA Berlin (Signatur NY 4200) wurde vom Verfasser mit Genehmigung der Nachlassverwalterin Sonja Wolfermann (vgl. Anm. 15) eingesehen, jedoch für diesen Beitrag nur zu einem Aspekt (vgl. Anm. 21) verwertet.

3 Das Heiratsregister der Stadt Wittlich zeigt keinen Eintrag (vgl. Angabe des Standesamtes in der Gestapo-Akte von E.G. vom 2. Mai 1940 (Signatur der Akte im LA NRW, Düsseldorf: RW 58, Nr. 33017).

4 Wein-Mehs 1996, S. 624. Ein erfolgreicher Schütze war J.G. jedoch nicht, wie sich aus den überlieferten Ranglisten der jährlichen Vereinsmeisterschaften ersehen lässt.

5 Erich Glückauf, Begegnungen und Signale. Erinnerungen eines Revolutionärs, Berlin 1976 (Zit.: Erinnerungen 1976). Das 416 Seiten umfassende Buch wurde kurz nach Erscheinen in der DDR eingestampft (vgl. Anm. 23).

6 Erinnerungen 1976, S. 12.

7 Vgl. die Auflistung bei Wein-Mehs 1996, S. 217f. Die bereits erwähnten jüdischen Textilgeschäfte Bender und Frank – um nur zwei Beispiele zu nennen – hatten jedoch deutlich mehr Angestellte.


 Franz_Josef Schmit 

 

 

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