Jüdische Geschäfte und Betriebe

Textil Glückauf


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Als Julius Glückauf nach Wittlich kam, war er 23 Jahre alt; seine gleichaltrige, aus Tuchel/Schlesien stammende Frau Johanna (geb. Rehfeld, 22.3.1879) hatte Verkäuferin gelernt, während Julius als Buchdrucker ausgebildet war. Im Februar 1902 hat er in der Triererstr 10 das Haus von Edmund Schiffmann gemietet. Mit seiner Frau eröffnete er dort ein Textilgeschäft.

Johanna Glckauf Rehfeld AusschnittJulius Glückauf Ausschnitt

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Die in kurzem Zeitabstand veröffentlichten Werbeanzeigen lassen durchaus auf ein erfolgreiches Geschäftsmodell schließen und auch an Mitarbeitern hat es nicht gefehlt. Glückaufs beschäftigten immerhin ein Küchenmädchen sowie eine Magd, einen kaufmännischen Lehrling, eine Verkäuferin und einen Kommis. Die Hauptlast des Geschäfts selbst dürfte auf Johanna Glückauf gelegen haben, da Julius – wie aus verschiedenen Werbeanzeigen hervorgeht – immer wieder unterwegs war, um große Sortimente zu ordern ("Von meiner Einkaufsreise aus Berlin zurückgekehrt…"), die dann zu Ausnahmepreisen in Wittlich angeboten wurden. Kleider für Communikanten und Confirmanden werden ebenso angeboten wie Sporthemden und Radfahrerpellerinen und der Kaufmann preist seine Arbeitskleider als konkurrenzlos billig an. Auf die gute Qualität der Waren legt er ebenso großen Wert wie auf den Service: sein Lager kann ohne Kaufzwang besichtigt werden und jedes Teil wird gern aus dem Fenster genommen. Sicher übertreibt der Wittlicher Neueinsteiger im Textilgewerbe, wenn er sein Geschäft als einziges und größtes Spezialgeschäft für Herren- und Damen-Confection anpreist, wenn man an die Ladengröße auch im Vergleich mit den eingesessenen jüdischen Textilgeschäften Frank und Bender am Marktplatz denkt.
Die Schließung des Betriebes nach etwas mehr als vier Jahren in Wittlich und der rasche Umzug ins Ruhrgebiet könnten darauf schließen lassen, Julius Glückauf habe sich wirtschaftlich übernommen. Oder anders ausgedrückt: Der gelernte Buchdrucker hat mehr vom Gestalten von Werbeanzeigen als vom Textilhandel selbst verstanden. Doch dafür gibt es keine Belege und die Geschäftsaufgabe erfolgte auch in einer Weise, die als geregelt bezeichnet werden kann. Für den Totalausverkauf samt Ladeneinrichtung – die Geschäftsschließung selbst war für den 1. August 1906 angekündigt – rührte der Kaufmann nochmals ab Anfang März 1906 über mehrere Monate kräftig die Werbetrommel. Offenbar mit Erfolg: Am Schluss des Ausverkaufs Ende Juli waren lediglich noch Kinderjoppen und Paletots zu jedem Preis übrig geblieben. Vielleicht war Julius Glückauf Wittlich als Kaufstadt schlichtweg zu klein und er sah im Ruhrgebiet bessere Chancen.
Bereits Mitte Oktober 1906 kündigt Willy Meyer die Eröffnung seines Spezial-Geschäfts für Herren-, Damen- und Kinder-Konfektion im ehemaligen Glückaufladen an und wirbt mit reellen und streng festgelegten Preisen (WKB Nr. 121); knapp zwei Jahre später eröffnete eine Filiale der Dampf-Kaffeebrennerei „Union“ aus Bonn in der Triererstraße 10 (WKB vom 21.7.1908). Es war offenbar nicht einfach für von auswärts kommende Händler, sich gegenüber den zahlreichen eingesessenen Geschäften zu behaupten – trotz aufwändiger Werbung und interessanten Sonderverkaufsaktionen.


Franz-Josef Schmit, Auszug aus  dem Artikel "Die Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Glückauf"

Fotos: Franz-Josef Schmit, bearb: Hans Wax
Anzeigen: Kreisarchiv Bernkastel-Wittlich

 

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