Novemberpogrom 1938 in Wittlich

Synagoge Kohle Forster 400

Seit dem 01. April 1933, dem Boykotttag,  waren die jüdischen Bürger von Wittlich zunehmend den Repressalien der Nationalsozialisten ausgeliefert. Viele sahen keine Zukunft mehr in der Stadt, in der sie sich wohlgefühlt hatten, die sie als Bürger mitgestalteten und zu deren Wohl sie u.a. auch als Geschäftsinhaber und Betriebe mit beitrugen. Sie mussten ihr Eigentum, weit unter Wert, meist an Nationalsozialisten nahestehende Geschäftsleute verkaufen. Ihre Zuflucht suchten sie im nahen Ausland (Luxemburg, Frankreich, England) und in den größeren Städten (Köln, Frankfurt...).  Die Zahl der noch in Wittlich lebenden Juden ist in dieser Zeit von fast 284 vor dem Boykott 1933 auf 86 gesunken. In der Nacht zum 09. auf den 10. November erlebten die Ausschreitungen gegen Juden einen weiteren unbeschreiblichen Höhepunkt in Deutschland. Auch Wittlich war davon betroffen.  Die SA-Truppen zogen vandalierend durch die Stadt. Rädelsführer war Walter Kölle, NSDAP Kreisleiter. Die Inneneinrichtung der Synagoge, die jüdische Schule in der Kirchstraße und die Wohnungen der noch wenigen jüdischen Bürger, die in der Stadt lebten wurden zerstört. Die männlichen Juden wurden gefangen genommen und ins Wittlicher Gefängnis überführt. Schutz für die Juden durch die Polizei oder Bürger gab es nicht. Bis heute lässt das Ereignis viele Fragen offen.

Bild: Lothar Forster, Kohlezeichnung der Synagoge

Kölle über Kölle

Kategorie: Novemberpogrom

Während seiner Untersuchungshaft verfasst der ehemalige Kreisleiter Walter Kölle – wie er es in einem als Vorwort bezeichneten Absatz selbst nennt – eine Niederschrift, der etliche „Persilscheine“ angefügt sind.1 Diese Selbstdarstellung zu seiner Tätigkeit als politischer Leiter wurde sowohl von der Koblenzer Spruchkammer im August 1952 als auch vom Bonner Landgericht im Juni 1953 bei der jeweiligen Urteilsfindung einbezogen und hat offenkundig in beiden Fällen zu einer milderen Beurteilung und Bestrafung für Kölle geführt. Es ist hier weder möglich noch beabsichtigt, die Ausführungen von Kölle in vollem Umfange wiederzugeben.

Zu der Absicht der nur aus dem Gedächtnis aufgeschriebenen Niederschrift, die keineswegs beansprucht, ein umfassendes Gesamtbild zu zeichnen heißt es: Sie soll … auch nicht meiner politischen Reinwaschung dienen, sondern einmal mit dem unhaltbaren Vorwurf von der NS-Gewaltherrschaft aufräumen. Damit ist der Grundton angeschlagen. Kölle lässt so gut wie an keiner Stelle irgendeine Form kritischer Selbstreflexion oder gar kritische Distanz zu den Jahren des NS-Regimes und seiner eigenen Rolle erkennen, so dass der gesamte Text in hohem Maße propagandistisch ausfällt und letztlich als Selbstrechtfertigung hinsichtlich der anstehenden Verfahren verfasst wurde. Fehler einzugestehen oder gar irgendetwas zu bereuen, kommt ihm nicht in den Sinn. Wo kein Schmutz gesehen wird, muss auch nichts „reingewaschen“ werden – so die einfache Logik des ehemaligen Kreisleiters.

Vielmehr sieht er sich vor dem Hintergrund aktueller Debatten im Bundestag über die Wiederzulassung ehemaliger Nationalsozialisten veranlasst, den politischen Hass, der diesen entgegenschlägt, zu beklagen und zu fordern: Stattdessen müsste allein aus Gründen der politischen Vernunft in der Wiedergewinnung aller Kräfte die gemeinsame Aufgabe gesehen werden.2 Frei von jeder Einsicht, überhaupt sich einem Gerichtsverfahren stellen zu müssen, schreibt er am Ende des Vorworts: Sollten diese meine Ausführungen meinen heutigen Gegnern durch einen Einblick in meine politische Tätigkeit beweisen, daß politische Verfolgung und politische Verantwortung sich ausschließen, dann haben sie ihren Zweck doppelt erfüllt.

Am Ende seiner Niederschrift beteuert Kölle nochmals, er habe nicht in der Absicht, mich reinzuwaschen geschrieben, auch nicht in der Absicht, einem Neofaschismus das Wort zu reden, sondern er habe einen Baustein liefern wollen zur Darstellung, wie sich in einem kleinen Bereich die Dinge ereignet haben. Der gesamte Duktus des Kölle-Textes belegt, dass der Verfasser in Sprache und Denken nach wie vor fest in der nationalsozialistischen Ideologie verwurzelt ist: Wie zu Kreisleiterzeiten gedenkt und dankt er seinen treuen Mitarbeitern wegen deren freudiger Hingabe, nie erlahmender Einsatzbereitschaft und Opferfreudigkeit, was einmalig in der Geschichte unseres Volkes gewesen sei: Allen denjenigen, die ihr Bestes für Deutschland gegeben haben und trotzdem, was sich nach 1945 abspielte, ihren Glauben nicht verloren haben, gilt mein von heißem Herzen kommender Dank. Wir haben nicht den Ehrgeiz, noch einmal auf der politischen Bühne zu stehen, da es für uns nie wichtig war, was man im Leben selber erreicht. Sondern uns kam es nur darauf an, was wir für andere tun konnten. So der Schlussabschnitt dieses Dokuments, nach dessen Lektüre man sich überhaupt nicht mehr über das Kölle-Schreiben vom Frühjahr 1952 an die REVUE-Redaktion wundern muss.

Dichtung und Wahrheit in Kölles Darstellung im Einzelnen zu überprüfen, wäre eine lohnende Aufgabe für jeden Lokalhistoriker, da der Verfasser zahlreiche Namen von Parteimitgliedern, Amtswaltern, Pfarrern, Handwerkern und Unternehmern nennt und seine durchweg gute, meist störungsfreie und erfolgreiche Zusammenarbeit mit ihnen zum Wohle der „Volksgemeinschaft“ beschreibt. Dabei geht er auch auf ehemalige Exponenten aus dem Kreis des Eifelklerus, der Sozialdemokraten und des Zentrums, sogar der KPD ein: Einer ihrer Vertreter, der Schneidermeister Hartmann, Daun, der dauernd mit dem Amtsbürgermeister Lingens, Daun, auf dem Kriegsfuß lebte, wurde ohne meine Kenntnis ins KZ gebracht. Es ist mir mit vieler Mühe geglückt, ihn aus dem KZ herauszubekommen. Nach dem ersten schweren Luftangriff auf Daun habe ich ihm sogar für tapferes Verhalten bei der Bergung Verschütteter das K.V.K (Anm.: Kriegsverdienstkreuz) mit Schwertern verliehen. Selbst den fremdvölkischen weiblichen Arbeiterinnen, die nach einem Fliegerangriff auf ihre Wohnbaracke bei der Dauner Kartoffelfabrik verwundet worden waren, will Kölle bei seinem Besuch im Wittlicher Krankenhaus Blumen überbracht haben. Immer wieder betont Kölle sein Eintreten für die einfachen „Volksgenossen“, selbst wenn sie nicht der Partei nahe standen. Daran muss nicht grundsätzlich gezweifelt werden, auch wenn einzelne Vorgänge schon damals – zumindest im Verborgenen – anders betrachtet wurden, wie das folgende Beispiel belegen kann.

Im Zusammenhang mit einem in Wittlich aufgedeckten Verstoß gegen die „Kriegswirtschaftsgesetze“ verweist Kölle auf sein beherztes Auftreten, um den Frauen, die schwersten Bestrafungen entgegensahen, zu helfen: Durch persönliche Fühlungsnahme mit den maßgebenden Herren des Trierer Gerichts konnte ich mich für die Angeklagten einsetzen. Tatsächlich fielen die Freiheitsstrafen ungewöhnlich milde aus und wurden durch vorzeitige Begnadigung fast ganz aufgehoben. Mir selbst brachte mein Eintreten für die Frauen eine erhebliche Zurechtweisung des Gauleiters ein.“

Die Tatsache, dass die Frauen überhaupt vor Gericht gezerrt werden, stellt Kölle natürlich nicht in Frage. Anders als Mehs, der diese „Wittlicher Buttergeschichte“ in seinem Tagebuch (Eintrag vom 16.02.1944) ausführlich darstellt. Nach dem Richterspruch notiert Mehs: Großer Kladderadatsch, denn es waren nur tadellose und ehrbare Frau aus bekannten Häusern in die Sache verstrickt. Etwa drei Dutzend wurden vor einigen Wochen in Trier verurteilt. Es gab Gefängnisstrafen von ein bis sieben Monaten. Eine kam mit einer Geldstrafe davon. In voriger Woche wurde die Hauptabnehmerin, Bohlens Kat, und die Verkäuferin verdonnert, letztere zu fünf, erstere zu zwei Jahren Zuchthaus. Harte Strafen, bedingt durch die harten Kriegsgesetze. Doch wird allgemein, was Bohlens Kat angeht, das Urteil als zu schwer empfunden: Wenn sie auch mit drei bis vier Zentnern Butter an der Affaire beteiligt war – die übrigen bis zu anderthalb Zentnern – so ist der Unterschied zwischen sieben Monaten Gefängnis und zwei Jahren Zuchthaus doch so groß, daß man keine Erklärung dafür hat, es sei denn die Schärfe der Gesetze. Zudem fühlt sich jeder Volksgenosse, der von diesem Urteil hört, mehr oder weniger mitbetroffen, insofern, als er sicher schon mal ‚hintenherum’ sich was Zusätzliches für die tägliche Atzung besorgt hat ohne erwischt zu werden. Würden alle Fälle dieser Art vor Gericht kommen, Deutschland wäre ein einziges Gefängnis und Zuchthaus. So büßen hier einige wenige sehr hart, während die Masse verschwiegen und schuldbewußt dahinschleicht und denkt, eigentlich müsste man auch bestraft werden. Der Friede wird wohl den Schwamm drüber wischen.3 Mehs kommentiert hier sehr hintersinnig, auch mit Blick auf die sich abzeichnende deutsche Niederlage und entlarvt so, was Kölle als eigene besondere Leistung glaubt herausstreichen zu müssen, wobei noch zu überprüfen wäre, ob die beiden Behauptungen, nämlich von der vorzeitigen Begnadigung der Verurteilten und dem Rüffel für Kölle durch die Gauleitung, der Wahrheit entsprechen.4 Zumindest das Gerüffelt-Werden von NS-Funktionären durch übergeordnete Stellen gehörte nach 1945 zum häufig zitierten „Widerstands-Topos“ früherer NS-Funktionsträger.

Auf den grundsätzlich bestehenden Handlungsspielraum der Kreisleiter hinsichtlich ihrer Amtsführung verweist auch Barbara Fait und nennt als Beispiel, wie die Verhaftungsbefehle im Zusammenhang mit der Aktion „Gitter“5 (bisweilen auch Aktion „Gewitter“ genannt) umgesetzt wurden. Kölle – so seine Darstellung – lehnte für sein Hoheitsgebiet eine solche Meldung ab. Weil aber die Gestapo trotzdem Verhaftungen vornahm, leitet er sofort Gegenmaßnahmen ein und ihm gelingt die Freilassung in kürzester Zeit: Unter diesen Persönlichkeiten, für die ich mich einsetzte, befand sich auch mein heutiger Hauptbelastungszeuge, der ehem. Gastwirt und heutige Bundestagsabgeordnete Stadtbürgermeister Mees (sic!), Wittlich. Außer Mehs waren noch vier weitere frühere Zentrumsabgeordnete am Nachmittag des 23. August zu dem seit dem 3.07.1943 in Wittlich amtierenden Bürgermeister Enck bestellt und nach Trier zum Gestapoverhör gebracht worden.6 In seinen späteren Zeugenaussagen, bestätigt Mehs, dass die Freilassung kurze Zeit später auch auf Kölles Einschreiten erfolgt ist, und er gibt zu Protokoll: Schließlich will ich noch hervorheben, dass ich keine Animosität gegen Kölle habe. Er ist mir zwar als politische Figur nicht sympathisch gewesen. Andererseits ist mir später mitgeteilt worden, dass sich Kölle nach meiner Inhaftierung mit Erfolg für meine Wiederfreilassung eingesetzt habe. Weiterhin hat er mich im weiteren Verlauf des Krieges von den Schanzarbeiten am Westwall befreit, weil ich Kreisvorsitzender des Bienenzuchtvereins war.7 Mehs erwähnt nicht, dass die Verhaftungen im Zuge der Aktion „Gitter“ in der Bevölkerung auf großes Unverständnis gestoßen waren und dass zahlreiche NS-Funktionäre, die für solche Stimmungen durchaus empfänglich waren, sofort ihren oberen Dienststellen diese Unruhe an der „Heimatfront“ meldeten. Selbst Gestapo-Chef Heinrich Müller musste bereits am 28.08.1944 eingestehen, dass die ganze Aktion ein Fehlschlag war: Aus sehr vielen Gauen sind lebhafte Klagen hierüber eingegangen, die das tatsächlich erkennen lassen.8

Die meisten Kreisleiter – so auch Kölle – waren sich ihrer Macht bewusst. In der Regel waren sie auch taktisch-klug genug, sich auf die regionalen und lokalen Besonderheiten, z.B. das katholisch-konservative Milieu ihres Kreises, einzustellen. Für den Gau Koblenz-Trier hat Beate Dorfey feststellen können, dass sie nur selten in Konflikt mit den Kirchen gerieten, sondern in der Regel um Zurückhaltung bemüht waren.9 So scheint auch Kölle – folgt man seiner Darstellung – durchaus gute Kontakte zu einzelnen Pfarrern und dem damaligen Abt des Klosters Himmerod unterhalten zu haben. Vor allem legt er Wert darauf, keinerlei Druck in der Frage der Kirchenaustritte ausgeübt zu haben: Eine Anordnung der Gauleitung besagte, daß der politische Leiter auch in dieser Beziehung die Konsequenzen zu ziehen habe. Eine Bestätigung hauptamtlicher Kräfte wurde davon abhängig gemacht, dass der Kirchenaustritt vollzogen war. Als diese Frage von einer Reihe meiner Mitarbeiter immer wieder an mich herangetragen wurde, habe ich jedem Einzelnen immer wieder erklärt, daß es sich hierbei um eine Gewissensfrage handele, die jeder nur selbst entscheiden könne. Eine Benachteiligung des Betreffenden komme für mich jedenfalls nicht in Frage, auch wenn der Kirchenaustritt nicht erfolge.10 Zur Veranschaulichung seines eigenen Verhaltens berichtet Kölle über die Beisetzung des Kreisobmannes der DAF, der aus der Kirche ausgetreten war, aber nach einem Fliegerangriff im Sommer 1944 schwer verwundet kurz vor seinem Ableben einen katholischen Geistlichen hatte kommen lassen und wieder eingetreten war. Als Gauleiter Simon davon erfährt, zieht er den für die Beerdigung des Pg. Ferber bestellten Kranz zurück und Kölle, der nach der kirchlichen Beerdigung mit einem Riesenaufgebot der Partei am Grabe eine Totenehrung abgehalten hatte, muss dem Gauleiter einen Sonderbericht abliefern.11
Der Tätigkeitsbericht von Kölle liest sich wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Im Brustton der Überzeugung nennt und erläutert der ehemalige Kreisleiter die von ihm in den Kreisen Daun und Wittlich initiierten und umgesetzten Maßnahmen, so dass das einstige Notstandsgebiet aus Arbeitslosigkeit, Verelendung, Verschuldung und Defätismus in den Jahren der NS-Regierung herausgeführt werden konnte. Nicht zuletzt durch seine persönlichen Kontakte zu den Ministerien vor allem in Berlin sei es ihm gelungen, die darniederliegenden steine- und holzverarbeitenden Betriebe wieder flott zu machen.
Besondere Aufmerksamkeit richtet er auf den Betrieb des Dreiser Künstlerehepaares Heller, da es ihm zu verdanken sei, dass Jahr für Jahr ca. 10 Millionen W.H.W.-Abzeichen im Kreis Daun produziert wurden: In unzähligen, über das ganze Kreisgebiet verbreiteten Arbeitsgemeinschaften wurden schulentlassene Buben und Mädels, die bislang meist nur das Vieh gehütet hatten, zusammengefaßt. Oft zwei oder drei Geschwister einer Familie, die monatlich 200.- bis 300 RM verdienten, ein bisher nie dagewesenes Ergebnis, bannten die Not in unzähligen Familien. Noch heute findet man in vielen Familien am Weihnachtsbaum diese Abzeichen, die einst die H.J. zum Kauf anbot.

So habe er auch den Tourismus über die K.d.F.-Dienstellen angekurbelt sowie die Weinpatenschaften gestartet12 und Entscheidendes zum Bauen neuer Wohnungen auf den Weg gebracht. Am Ende des Wirtschaftskapitels in seiner Niederschrift bilanziert Kölle: Ich weiß aber genau, daß nicht nur der Bauer, für den in den Jahren 1933 bis 1945 mehr getan wurde wie je zuvor, der Arbeiter, der wieder einen gesicherten Arbeitsplatz hatte, der Gewerbetreibende, der durch den erhöhten Geldumlauf gleichfalls gut verdiente, meinen Namen, den man sich heute so sehr bemüht zu beschmutzen, nicht vergessen haben. Mein eingangs erstrebtes Ziel, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die Hebung des allgemeinen Lebensstandards, wurden erreicht und das ist mir die wertvollste Befriedigung.
Den vorletzten Teil seines Berichts hat Kölle überschrieben mit Sozialarbeit. Die Arbeit der der Partei angeschlossenen Verbände. Hier würdigt er die DAF (mit deutlichen Seitenhieben auf frühere marxistische Parolen), das NS-Werk „Schönheit der Arbeit“ und K.d.F.-Urlaubsfahrten: Nichts war uns für den deutschen Arbeiter zu gut. Die Teilnehmerzahlen an K.d.F.-Reisen stiegen von Jahr zu Jahr, unabhängig davon, ob der Betreffende Parteigenosse war oder nicht. Die Unzahl von Dankesbriefen sprach nur zu deutlich, welche Freude wir diesen Menschen vermittelt haben. So ganz unbedeutend war die Parteimitgliedschaft für die Teilnahme an diesen Fahrten, die zudem gezielte Parteipropagandaunternehmen waren, nicht. M. J. Mehs kommentiert hierzu aus seiner Perspektive als Gast- und Pensionswirt, als K.d.F.-Gäste aus Kurhessen in Wittlich zu Gast sind: Sie fliegen in die Gegend aus, haben Veranstaltungen bei Kaienburg (Anm.: Gastwirt und NSDAP-Beigeordneter) und im Deutschen Haus (Anm.: Ort vieler Parteikundgebungen), die beide also den Rahm abschöpfen, die anderen Mitbürger sollen die Opfer bringen… An die Gastwirte wurden Schilder zum Aushängen verteilt mit dem Text: ‚Hier verkehren Urlauber der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude.’ Ich bekam kein solches Schild, auch nicht Well, Losen, Sachsen, auch nicht Kaienburg, dem ich das sofort meldete. (Nun, Kaienburg braucht allerdings keines.). In einem Zeitweiser für die Urlauber steht, wie ich erst vor ein paar Tagen erfuhr: ‚Die Urlauber verkehren nur in den Gaststätten, die ein Schild mit dem genannten Aufdruck aushängen haben.’ Man wird also quasi boykottiert.13

Im überlieferten Schlussteil geht es um den Einsatz der Partei im Kriegseinsatz: Evakuierungsmaßnahmen aus der sogenannten roten Zone bei Kriegsausbruch (Ich selbst habe an einem einzigen Tag weit über 200 Kinderwagen mit Kleinkindern persönlich eingeladen), Ernährung der Bevölkerung durch den Reichsnährstand, Truppenbetreuung durch NSV, Verstärkung des Westwalls und die Aufstellung des Volkssturms, die ebenfalls der Partei oblag, der aber in den Kreisen Daun und Wittlich mangels Uniformierung, Bewaffnung und Klarheit des militärischen Unterstellungsverhältnisses nicht mehr zum Einsatz gelangte. Hierzu vermerkte Mehs am 2.04.1945 in seinem Tagebuch mit deutlich anderem Akzent: Der Volkssturm wurde aufgerufen, alle Männlichen vom Jahrgang 1897 an, es erschienen nur wenige… Die meisten verdünnten sich, hielten sich versteckt oder stahlen sich in die Weinberge und Wälder. (Vom Führer des Ürziger Volkssturms, Dr. Paul Graff, hörte ich später, der Kreisleiter habe ihm den Befehl zum Sammeln des Volkssturms gegeben, er habe es aber abgelehnt mit der Begründung, er habe die Listen verloren; der Kreisleiter sei natürlich wütend gewesen.).14 Eine etwas andere Sicht auf das „Letzte Aufgebot“ als bei dem Parteisoldaten Kölle, der – und daran darf erinnert werden – sich bereits am 26.03.1945 aus dem Staub gemacht und das Kreisgebiet verlassen hatte.
Und doch soll zum Abschluss dieses Abschnitts noch einmal der Kreisleiter selbst zu Wort kommen: Ich überlasse es jedem Einzelnen, sich selbst ein Urteil über mich zu bilden. Wenn man meine Tätigkeit allerdings mit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft bezeichnen will, dann sei mir gestattet, darauf folgendes zu erwidern. Die Bevölkerung des Kreises Daun, für die ich in all den Jahren vorwiegend tätig sein konnte, würde mir heute nicht in einer Unzahl von Zuschriften das Gegenteil bescheinigen, wenn ich nicht Hunderten und Tausenden in all den Jahren mit Rat und Tat geholfen hätte. Ihr heutiges Urteil nach dem Zusammenbruch scheint mir jedenfalls das Unbestechlichste zu sein.“15



Vgl. KÖLLE-NIEDERSCHRIFT 1952 (wie Anm. 14).

2  
Der Philosoph Hermann Lübbe hatte 1983 erstmals die damals noch umstrittene These vorgetragen, die alte Bundesrepublik sei letztlich deshalb so erfolgreich gewesen, weil es eine Phase des kommunikativen Beschweigens der NS-Vergangenheit gegeben habe und weil die soziale Reintegration der Millionen Mitläufer, aber auch von großen Teilen der NS-Eliten gelungen sei. Kölles Forderung von 1952 hat sich, folgt man der „Transformationsformel“ von Lübbe, insgesamt bewahrheitet, wenn auch nicht für ihn persönlich. Die zuletzt im Zusammenhang mit der Rolle des Auswärtigen Amts im „Dritten Reich“ geführte Diskussion (Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und der Bundesrepublik. München 2010) kann zwar die „Erfolgsgeschichte“ bestätigen, doch darf dieser Befund nicht dazu führen, die politischen, gesellschaftlichen und auch moralischen Probleme dieser Schweige- und Integrationspolitik auszuklammern.


MEHS TB II 2011, Bd. 2, S. 456f (wie Anm. Biografische Notizen 3). Butter war „bezugsscheinpflichtig“ – der hier geschilderte Butterhandel war offenbar schon über mehrere Jahre abgelaufen, wenn Mehs anmerkt: Im Laufe der Jahre machten es etwa 18 Zentner aus. Auf Grund einer Urkundenfälschung flog der Handel schließlich auf.


Dass Kölle sich für die Frauen eingesetzt hat, muss nicht in Frage gestellt werden, weil er diese Episode im Jahr 1952 sonst besser ganz ausgeklammert hätte. Verwundern muss aber, dass gerade von keiner dieser Frauen ein „Persilschein“ für Kölle ausgestellt worden ist, zumal er in seiner NIEDERSCHRIFT (vgl. Anm. 14) selbst explizit anmerkt, die Namen der Frauen befinden sich in meinen Unterlagen. Wie aus diesen Bescheinigungen insgesamt unschwer zu erkennen ist, wurden sie auf Bitten von Kölle und seiner Frau (teilweise direkt an diese adressiert) verfasst. Zur „Wittlicher Buttergeschichte“, vgl. auch PETRY 2009, S. 206f (wie Anm. 32), der die Berichterstattung des Nationalblattes (Trier) einbezieht, wo von 21 Wittlicher Frauen (gegen die Angabe von Mehs) gesprochen wird.

5  
Vgl. FAIT 1988, S. 222 (wie Anm. 24). Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurden zahlreiche Personen festgenommen, die vor 1933 im öffentlichen Leben eine Rolle gespielt hatten.


Vgl. MEHS TB 2011, Bd. 2, S. 517 (wie Anm. 16). Danach schreibt Mehs bis zum 1.04.1945 nichts mehr auf. Die Herausgeber des Mehs-Tagebuches verweisen ausdrücklich auf die Rolle von Enck, der in seiner Funktion als stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes (S.D.) mehrfach Wittlicher Bürger gewarnt und auch die Anordnung zur Zerstörung des Wittlicher Judenfriedhofs nicht befolgt hat (vgl. ebd., dort Anm. 78). Mehs selbst legte unter der amerikanischen und französischen Besatzung großen Wert darauf, keinerlei ungünstige Aussagen zu ehemaligen Nazi-Anhängern Wittlichs zu machen, was mit gewissen Einschränkungen auch bei der zurückhaltenden Aussage zu Kölle zu berücksichtigen ist. So hatte er gegenüber dem C.I.C. (Counter-Intelligence-Corps) laut Eintrag vom 13.05.1945 erklärt: Von den anderen Wittlicher Personen, die mir als Nazis genannt wurden, konnte ich viel zu ihrer Entschuldigung anführen, vor allem sagte ich, alle, die aus wirtschaftlichen Gründen 1933 Hitler gewählt hätten, seien überhaupt keine politischen Menschen sondern Opportunitätspolitiker, die nicht aus Grundsatz wählten, sondern bald hierhin, bald dorthin sich wendeten, je nachdem sie Vorteile für ihr Geschäft erwarteten. (ebd., S. 537).


KÖLLE-SPRUCHKAMMER 1952 (wie Anm. 15).


Vgl. den Beitrag von Johannes TUCHEL „Die Rache des Regimes“ (ZEIT – ONLINE, 8.01.2009).


Dies. 2003, S. 377 (wie Anm. 18). Zum gleichen Befund kommt FAIT (wie Anm. 24) für die Kreisleiter im katholischen Oberbayern (vgl. ebd., S. 223). Kölle erwähnt in seiner NIEDERSCHRIFT, dass der Pfarrer von Schalkenmehren ihm und seiner Frau persönlich zur Hochzeit gratuliert hat, obwohl meine Ehe protestantisch getraut wurde.“

10 
KÖLLE-NIEDERSCHRIFT 1952 (wie Anm. 14).

11 
Zu diesem Vorgang gibt es einen Bericht der Gestapo-Außenstelle Trier, der vor allem auf die ablehnende Haltung der Familie des Kreisobmannes der DAF und der Dorfbevölkerung von Dreis wegen der Teilnahme der Parteidelegation unter Kölles Führung an der Beerdigung eingeht, vgl. Die Partei hört mit. Lageberichte und andere Meldungen des Sicherheitsdienstes der SS, der Gestapo und sonstiger Parteidienststellen im Gau Moselland 1941-1945, Teil 2, 1944-145, bearbeitet von Peter BROMMER. Koblenz 1992, Dokument Nr. 205.

12 
Die „Weinpatenschaften“ sind ein gutes Beispiel, wie die NSDAP bereits existierende Initiativen vereinnahmt, weiter ausgebaut und vor allem auch propagandistisch ausgeschlachtet hat. Vgl. hierzu: SCHAAF 2000, S. 166-169 (Kapitel „Beseitigung der Winzernot“), wie Anm. 29.

13 
MEHS TB 2011 II, S. 42, Eintrag vom 11.06.1936, wie Anm. 16.

14 
Ebd., S. 520f.

15 
Kölles unveränderte NS-Diktion mit entsprechendem Sprachgestus (z.B. superlativische Größen, Kriegsende als Zusammenbruch) lässt sich in dieser Passage gut erkennen – weitere Beispiele in den vorangegangen Kölle-Zitaten.


 

Autor: Franz-Josef Schmit

Thema Zeitzeugen:  Hans Wax

Literatur

Franz-Josef Schmit,  Novemberpogrom 1938 in Wittlich, Trier Verlag, 2013